Blogger für Flüchtlinge

Mir geht es gerade wie Tim, dessen Artikel zu dem Thema ihr unbedingt lesen solltet: Ich starre auf das Eingabefenster und weiss nicht genau, wie ich meine Gedanken ordnen und zu „Papier“ (aka WordPress) bringen sollte.

Warum? Das Thema ist zu komplex und ich habe für mich (bisher) weder Struktur noch Lösung gefunden – aber vielleicht kommt das ja beim Schreiben 🙂

Das Problem ist eigentlich so bekannt, dass Schlagworte reichen: Flüchtlinge, Heidenau, Freital, Kögida, Tote, Fährunglücke, „ich bin ja kein Nazi, aber“, Weissach, Onlinekommentarkultur, Refugees welcome, Willkommenskultur.

Moment, Willkommenskultur als Problem? Kind of – denn sowohl eine fehlende als auch eine unzureichende ist für mich ein Problem.

Aber vielleicht sollte ich das Thema anders angehen. Bei den ersten Begriffen, denn die letzten sind ja die (hoffentlich) Lichtblicke und Lösungen. Also dann, neuer Versuch: Flüchtlinge, Heidenau, Freital, Tote, „Ich bin ja kein Nazi, aber….“.

Sigh. Ich hätte gedacht, dass wir aus den Zeiten von Rostock und Lichtenhagen gelernt hätten. Aber wer ist „wir“? Und wenn ich Rostock und Lichtenhagen erwähne, dann muss da auch Mölln rein, denn es ist zu einfach, auf die neuen Bundesländer zu zeigen und zu glauben, man hätte das Problem nicht vor der Haustüre (Kögida, Proxxx). Dazu ist es meiner Meinung einfach zu einfach (;-)), die plumpe Nazikeule zu schwingen. Klar, die tumben Idioten in Freital, Heidenau und Co sind scary, auch wenn die Merkel-beschimpfende Frau anfangs eher belustigend ist – aber die meint das ja leider ernst 🙁 – und so ernst muss man die auch nehmen. Dummerweise ist es aber zu eindimensional, die pauschale Nazikeule rauszuholen. Wenn ich mir den Zeitungsartikel der Waiblinger Zeitung mit den „besorgten Bürgern“ durchlese, dann ist das auf einer ganz anderen Ebene erschreckend, denn hier spricht der gutsituierte Mittelstand. Das ist der, der Wahlen entscheidet. Das ist der, der auch schon 91 indirekt dafür gesorgt hat, dass das Asylrecht entkernt wurde. Mit den rechten Trotteln als Katalysator, aber durchgesetzt haben das die Parteien, die von den Bürgern gewählt wurden, die Angst um den Wohnwert Ihres Hauses haben. Oder dass sie beim Sonnenbaden gefilmt werden. Die reagieren weder auf Eure fcknzs Rufe noch auf Gegendemos in Heidenau oder NoKögida. Die sitzen in den Speckgürteln der Vorstädte, bestärken sich gegenseitig in ihrer Angst und ihren Vorurteilen und sorgen für ein politisches Klima, welches zu einer Verschärfung der Situation führen kann/wird. Versteht mich nicht falsch – die Naziknetbirnen, die öffentlich sichtbar sind (sei es auf der Strasse oder auch online) darf man nicht unwidersprochen den Raum und die Aufmerksamkeit überlassen. Und nicht alle Mittelstandsbürger in Bawü oder Bayern sind latent fremdenfeindlich – ich sehe auch in den Kommentaren der Waiblinger Zeitung viel Gegenwind und Zivilcourage/ehrenamtliches Engagement. Aber reicht das alles aus? Machen wir (tm, ich weiss, dass es kein „wir“ gibt, sondern viele Leute, die helfen wollen) es uns nicht zu einfach? Keine Ahnung, wie man die Leute im Zeitungsartikel erreichen kann.

Wobei – ggfs hilft ja Aufklärung. Sachliche Aufklärung – wie auch generell eine Versachlichung der Diskussion helfen könnte. Flüchtlinge haben Smartphones? Ja klar, brauchen sie auch. Flüchtlinge haben Markenklamotten an? Ja, klar, die hat euer Nachbar gespendet.Vielleicht hast du ja auch welche im Schrank, die ihr nicht mehr braucht.

Ich würde mir wünschen, dass Tageszeitungen öfters/regelmässig Artikel wie den oben verlinkten der Süddeutschen bringen würden (oder die zwei, die ich gleich noch zitiere). Klar, dann kommt gleich wieder der „Lügenpresse“-Pegida/AfD/Alfa Troll um die Ecke, aber bei dem ist Hopfen und Malz schon lange verloren. Wen man erreichen muss, sind die Nachbarn. Eure, die eurer Eltern in euren Heimatorten, die diffuse Ängste und Vorurteile haben, die eigentlich die bürgerlichen (und gerade auch in Bawü/Bayern christlichen) Werte intus haben, aber sie aus Angst vor dem(den) Unbekannten gerade jetzt nicht leben. Von daher wäre es schon mal ein Anfang, solche FAQs zu lesen, zu verinnnerlichen und zu verbreiten:

15 Antworten, mit denen Du Vorurteile gegen Flüchtlinge entkräften kannst

Die schlimmsten Totschlagargumente gegen Flüchtlinge im Faktencheck

Ein Anfang, denn da geht natürlich noch viel mehr – und das ist der andere Punkt, an dem ich mit mir und der Welt hadere. In meiner Filterblase nehme ich eine unglaubliche Welle der Hilfsbereitschaft und Solidarität war. Der wunderbare Ex-Wochenendrebell hat nicht nur eine super Aktion gestartet, um sowohl die Blogosphäre wiederzubeleben als auch Flüchtlingen zu helfen (disclosure: ich habe mich bereiterklärt, 10% oben drauf zu legen), sondern auch bei Twibbon eine Aktion gestartet, die schon viele (1400!) nutzen (auch hier Flagge zeigen). Es gibt eine Plattform Blogger für Flüchtlinge (bei der auch Daniela mitmacht), bei der sowohl Geldspenden gesammelt (schon 28000 Euro) als auch Sachspenden koordiniert werden (man sammelt Adressen, wo man lokal Sachspenden abgeben kann). Finde ich super, nicht nur, dass hier eine Hilfeaktion aus dem Netz gestartet wird, sondern dass man auch Flagge zeigt und dem Eindruck entgegen steht, dass im Netz nur der braune Mob mit seinen Meinungen regiert.

Es gibt auch weiter Seiten, die eine Übersicht über Hilfsmöglichkeiten bieten, überregional z.B. http://wie-kann-ich-helfen.info/

Gerade für Köln gibt es aber noch deutlich mehr Ressourcen. Die Stadt Köln hat eine gute Übersichtsseite, ebenso empfehlenswert ist http://wiku-koeln.de/. Geht in eure kleinen Buchläden in den Veedeln und fragt einfach mal, ob diese die ABC Kiste haben – oder vielleicht in Zukunft anbieten wollen. Schaut mal hier vorbei, ob Ihr helfen könnt. Oder auf Twitter, da konnte ich (auch hier Dank an den ColliniSue) einer Flüchtlingsfamilie mit einem Kleiderschrank, Spiegel und Lampe helfen. Oder auch mal – wenn ihr bei einem grösseren Konzern arbeitet, der sowas hat – bei dem betrieblichen CSR nachfragen, ob die Hilfsangebote haben – da haben wir inzwischen auch schon ein Auto voll mit Kleidung, Spielen und Möbeln abgeben können. Aber es soll gar nicht darum gehen, was ich gemacht habe, das soll nur ein Beispiel sein – sondern was wir alle als Gesellschaft machen können. Denn da schliesst sich der Kreis mit dem Anfang meines Blogbeitrags.

Bin ich mir inzwischen klarere, was man/ich machen kann, nachdem ich das geschrieben habe? Ich glaube schon, das gliedert sich für micht jetzt in folgendes:

Awarness: Seid laut. Nein, nicht wie diese Frau. Sondern online. Lest auch die Argumente/Artikel oben durch und nehmt in der Kantine/bei on- und offline Gesprächen die dumpfen Stammtischparolen nicht einfach hin, sondern widersprecht. Das kann ggfs schwierig werden, denn Vorurteile kann man schwer ändern und alles unbekannte ist eine Bedrohung – aber selbst wenn ihr nicht den ursprünglichen Sender überzeugen könnt, sondern nur verhindert, dass dieser andere mit seinen Vorurteilen beeinflusst, ist schon etwas gewonnnen. Ich nutze übrigens auch sehr gerne die entfolgen/entfreunden  Funktionen bei Twitter/Facebook, wenn ich dumpfe Parolen von „Freunden“ sehe. Das können keine Freunde sein, wenn da ungefilterte Schwachsinn gepostet wird. Geht auf Demos. Zeigt Flagge – auch in Euren Blogs/Twitteraccounts/Facebook/wherever. Macht uns (also vor allem den ColliniSue) arm, in dem ihr die Throwback Thursday/Refugeewelcome Aktion nutzt 😉

Helfen: Nicht jeder ist gerade wie wir in der Situation, dass er einen Kleiderschrank übrig hat. Oder Spiele. Oder Geld, dass er spenden kann. Aber schaut doch mal kritisch in Euren Kleiderschrank: Wieviel davon zieht ihr nicht mehr an? Oder „noch nicht, denn wenn ich 3 kg abgenommen habe, passe ich da wieder rein“ Kleidung habt ihr noch im Schrank – und wie lange liegt die da schon? Vielleicht habt ihr auch gerade selber wenig, aber dafür Zeit? Prima, denn so wie ich das auf den ersten Blick gesehen habe, brauchen die meisten Einrichtungen noch Hilfe von Freiwilligen.

Strategisch: Für die CSU ist die Bezeichnung „Vertriebene“ für Flüchtlinge eine Beleidigung der Vertriebenen? (Update: ich will das Fass (Vertriebene, Ursache der „Vertreibung“ vs Grund, warum die meisten Refugees heute auf der Strasse sind) eigentlich gar nicht aufmachen, aber die Eltern meiner Mutter waren Vertriebene/Flüchtlinge, die froh waren, dass sie anfangs in einem Stall auf einem Bauernhof unterkamen. In Bayern, willkommen waren sie schon damals nicht). Merkel braucht 3 Tage, um ein butterweiches Statement zu Heidenau abzugeben? Die SPD will Flüchtlingskindern nicht in die Schule lassen? Ihr wählt die noch? Srsly? Informiert euch bei den nächsten Wahlen, straft die ab, die nicht helfen und helft auch (siehe Awarness), dass DumpfbackenKnetbirnenparteien keinen Zulauf für populistische Anti-Flüchtlingsparolen bekommen, denn das ist für mich einen reale Gefahr, wenn ich mir z.B. Italien, Österreich oder Frankreich ansehe (LEga Nord, ÖFP, Front National).

Und wir (imipressionen und ich)? Wir überlegen gerade, wo und wie wir helfen können. So ganz unterschwellig habe ich auch noch die Idee, auf dem Barcamp eine Session dafür zu starten – aber da bin ich mir noch nicht so sicher…

Update 2:

Das hier wollte ich auch noch verlinken/einbinden:

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Socialkram (einigermassen datengeschützt):

Veröffentlicht von davednb

bloggt - mit Pausen - seit 2004. Im Netz seit 1993. Mochte damals Gopher mehr als Http - denn Bilder im Internet braucht(e) ja keiner. Oldschool, baby!

2 Kommentare

  1. Pingback: Deutlich sein | Pia Ziefle | Autorin

  2. Eine tolle Aktion. Beeindruckend zu sehen, wieviele Unterstützer sich letztendlich für dieses Projekt haben finden lassen und war an Sach- und Geldspenden zusammen gekommen ist.

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